Zurück in die Zukunft

Warum wir die Schule lieber gegen die Wand fahren als nach Neuland und was das mit Marty McFly zu tun hat.

Meine Kindheit spielte sich irgendwo zwischen „Zurück in die Zukunft“ und „Zurück in die Vergangenheit“ ab. Auf der einen Seite Michael J. Fox mit dem großartigen Auto, das eigentlich fast nie gefahren ist und auf der anderen Seite Scott Bakula, der von Leben zu Leben sprang als wären es Airbnbs. Gespannt folgte ich Marty wie er knapp dem Inzest und damit seiner eigenen Vernichtung entging (der Film wäre etwas für Freud) oder wie Sam von Leben zu Leben sprang. Neue Geschichten, neue Welten. Erst später habe ich gemerkt, dass in beiden Formaten gar nicht um die Zukunft ging, sondern darum zurück zu gelangen, wo man hergekommen ist. Es war eben nicht die Suche nach etwas Neuem, sondern der Versuch den status quo wiederherzustellen. In diesem Sinne wundert es mich kaum noch, dass wir während Corona lieber gegen die Wand fahren als nach Neuland.

Einerseits möchte ich nicht nur von meiner Schule sprechen, andererseits kann ich auch wirklich nur von meiner Schule sprechen. Ich arbeite nur an dieser Schule, sie ist deswegen für mich exemplarisch. Meiner Meinung nach kann ich diese Entwicklung trotzdem generell beobachten. Jede Lehrkraft gibt bei uns im Durchschnitt 110%, das liebe ich hier. Der Durchschnitt umfasst auch die, die weniger geben, weil sie andere Dinge im Kopf haben, was meiner Meinung nach vollkommen in Ordnung ist. Arbeit ist für den Menschen da und nicht umgekehrt. Die unglaubliche Leistungsbereitschaft für die Schule und die Schüler*innen scheitert an Schule an sich.

Corona hat verdeutlicht, welche Probleme es schon lange gab und neue dazu geschaffen. Trotzdem wollen wir mit aller Macht zurück in die Vergangenheit. Diese gibt es nur eben nicht mehr. Es ist kein Film. Schule besitzt unglaubliche Beharrungskräfte, sowohl ideologisch als auch personell. Diese Beharrungskräfte waren nach dem Zweiten Weltkrieg notwendig. Wenn man sich heute anschaut, wie schnell Demokratien kippen können, erscheinen sie heute auch noch sinnvoll. Allerdings kippen diese Demokratien auch wegen Bildungssystemen, die starr und rückwärtsgewandt sind. Systeme, die ihren Schüler*innen keine Antworten und Werkzeuge auf moderne Fragen geben. Systeme, die beharren.

Wir brauchen flexible Lehrpläne, flexible Lehrkräfte. In Summe: Wir brauchen flexible Bildung. Damit hört es aber nicht auf. Wir brauchen auch ein modernes Bildungsverständnis. Bildung ist nicht das immer noch vorhandene stumpfe Auswendiglernen von Fakten, manchmal nur als Wissenskompetenz neu angestrichen wurde. Bildung ist, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat. (Heisenberg 1973) Darauf sollten wir uns auch konzentrieren. Jedes Kind sollte lernen, was es braucht. Zum einen braucht, um mit den Herausforderungen dieser Welt klar zu kommen. Zum anderen braucht, um sich lebenslang weiterbilden zu können. Das Meiste aus der Schule wird sowieso vergessen. Das Wichtigste ist Kinder darauf vorzubereiten, dass sie in Zukunft immer weiter dazulernen müssen aufgrund einer sich stetig ändernden Welt.

Das Frustrierende ist, Schule kann das. Schon lange. Statt auf Flexibilität zu setzen, werden aus einem falschen Gerechtigkeitsverständnis und permanentem Kontrollzwang auf beharrliche, strikte curriculae gesetzt, die wesentlich mehr mit Prüfbarkeit als mit Bildung zu tun haben. Genauso werden Lehrer*innen je nach Schule an der kurzen oder sehr kurzen Leine gehalten. Das ist absurd! Lehrer*innen verbringen ein ganzes Jahrzehnt mit Studium, Referendariat und Bewährung. Wir sind hoch ausgebildete, teilweise (über)qualifizierte Führungspersonen, die im Schuldienst dann wieder in das Förmchen eines Sachbearbeiters mit Vorteilen gepresst werden. Nach und nach wird uns die Eigenverantwortlichkeit, die wir alle leisten können, aberzogen. Und ich bin mir sicher, dass wir die alle leisten können. Andernfalls hätte das Referendariat anders geendet. Fachleiter*innen sind entgegen häufiger Meinung (meistens) weder unqualifiziert noch gemein. Die oft zweideutigen Beratungen und uneindeutigen Hilfestellungen helfen dabei, dass man seinen Scheiß selbst regelt und nicht darauf vertraut, dass irgendjemand einem später eine nützliche Hilfestellung gibt. Wer das nicht zumindest rudimentär schafft, der schafft sein Referendariat auch nicht.

Lasst Schule endlich machen, was Schule kann. Schule kann ständige, autonome Weiterentwicklung. Schule muss sich ständig autonom weiterentwickeln. Damit meine ich alle Bereiche der Schule. Ich meine damit, dass sich Klasse 6.2 vielleicht anders entwickelt als Klasse 6.3, weil sie ganz andere Schüler*innen mit ganz anderen Bildungsschwerpunkten hat. Jede Lehrkraft steht dort vor anderen Herausforderungen. Eine Gleichmachung durch die Beharrungskräfte führt dann eher zu dem, was sie früher verhindern sollten. Das heißt aber auch, dass wir Lehrkräfte Selbstverantwortung brauchen. Das verdienen wir und unsere Schüler*innen aber auch. Was wir nicht verdienen, sind ständige Besprechungen in denen Emails vorgelesen werden, damit sichergestellt ist, dass es jeder gehört hat. Was wir nicht brauchen, sind ständige Erinnerungen, das jedes Kind alles gleich machen soll, obwohl kein Mensch ist, wie der andere. Was wir nicht brauchen, ist Kontrolle als oberstes Gut der Schule. Kontrolle der Schüler*innen und der Lehrer*innen. Ich für meinen Teil, möchte dahin zurück, wo mit wir im Lockdown angefangen haben. Denn da hat Schule bei uns richtig gut funktioniert. In Autonomie waren plötzlich Dinge möglich, die vorher nie leistbar waren. Zumindest für mich war das Arbeiten auch angenehmer, da ich nicht mehr der Durchschnitt sein musste, sondern ich sein durfte.

Wenn uns Ministerien, Behörden und Schulleiter*innen nicht vertrauen. Wie sollen es dann die Eltern und die Gesellschaft? Woher kommt dieses Misstrauen? Oder vielleicht wichtiger:

Woher kommt die Angst?

Eine Sache habe ich als Lehrer gelernt. Wer keinen Mut hat, ist als Lehrer*in verloren. Wenn ihr kein habt, macht es nicht zu unserem Problem und dadurch zum Problem der Kinder.

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