Volle Kraft zurück

Gedanklich bin ich gerade von Meeresrauschen umhüllt in einer sternenklaren Nacht. Eine entspannte Ruhe liegt in der Luft. Das Sternenlicht, bei aller Schönheit, reicht leider nicht aus, um den Eisberg zu sehen, auf den wir gerade zusteuern. Zumindest drängt sich mir in den ersten Überlegungen zu diesem Beitrag das Bild der Titanic und dem Eisberg auf. Letztlich führt es zu der Frage, ob wir gut vorbereitet sind oder uns nur für unsinkbar halten.

Vier Tage ist die Schule nun offen. Die Vorbereitungen meiner Schule sind besser gelaufen als es den Umständen nach zu erwarten war. Die Schüler haben genug Desinfektionsmittel, um sich regelmäßig und an vielen Orten der Schule die Hände zu waschen. Wir haben das beste Hygienekonzept, das unter den Umständen möglich war und die Schüler*innen kommen im Schichtbetrieb.

Es funktioniert trotzdem nicht. Es gibt den Teil der Schüler, der genauso unvernünftig ist, wie sonst auch. Der Teil ist nicht klein. Die Schüler*innen sind 15 und 16 in den Abschlussklassen. Wisst ihr noch, was ihr damals angestellt habt? Natürlich müssten sie es besser wissen. Natürlich müssten sie klüger sein. Aber wenn schon ein Mittel gegen Pubertät gefunden worden wäre, wären die Kinder schneller geimpft worden als gegen Covid 19. Die anderen Schüler*innen suchen einfach Nähe, weil sie sich unsicher fühlen und sowieso ein großes Bedürfnis nach Nähe. Zuletzt gibt es einfach die Unachtsamen. Ein schnelles High-Five im vorbeigehen oder ein höfliches Aufheben eines runtergefallenen Stiftes. Man munkelt, selbst geschulten Laboranten unterlaufen Hygienefehler. Es wird immer so getan, als könnten Schüler*innen alles problemlos befolgen. Doch selbst Erwachsenen fällt das schwer.

Das bringt mich zum Titelbild. Da die Autorität von Lehrern leidet, wenn die Schüler*innen wissen, dass man nicht in ihre Nähe kommen kann, wurde mir gestern der Stab verliehen. In seiner Farbe Signalrot und seinen Dimensionen Ein-Meter-und-fünfzig-Zentimeter. Ich hatte es nicht geschafft, die Schüler weiter als 1,2m auseinander zu treiben. Das pädagogische Versagen bemerkte man und der Stab sollte Abhilfe schaffen. Und er half wirklich. Zum einen als Anschauungsobjekt über die wirkliche Länge von 1,5m. Zum anderen mit der Ankündigung das Verhältnis aus Festigkeit und Dichte des Stabes taktil erfahrbar zu machen. Leider haben wir dann im Klassenraum bemerkt, dass selbst in einem unserer größten Räume mit nur neun Schülern der Mindestabstand kaum zu gewährleisten ist. Das war für die Schüler*innen allerdings nicht so schlimm. Denn gleich nach dem Unterrichtsende konnten sie, einmal das Schulgelände verlassen, wieder kuscheln, Händchen halten, spucken und High-Fiven. Nicht nur bei uns, sondern auch bei den anderen Schulen, die ich von uns im Blick habe.

Zusammengefasst bedeutet das für mich, dass Hygiene und Isolation unter Jugendlichen jetzt vorbei ist. Alles im Sinne einer Entlastung der Eltern, im Sinne der Fairness der Prüfungen und für den Unterricht. Ich weiß nicht, in wie weit der erste Punkt zutrifft, wenn die Kinder jetzt unregelmäßig Unterricht haben. Fairness der Prüfungen gibt es in dem Flickenteppich sowieso nicht. Bleibt der Unterricht. Was für Unterricht ist das?

Die Schüler sitzen alle zwei Wochen an Einzelplätzen in der Schule. Der Lehrer kann ihnen kaum etwas zeigen und nur auf Abstand direkt erklären. Was wir jetzt machen, geht gegen jede pädagogische und didaktische Erkenntnis der letzten 20 Jahre. Die Schüler*innen sind mit den Gedanken auch nicht dabei. Entwede,r weil sie sich um wichtigere Dinge Gedanken machen oder, weil sie wissen, dass sie sich notentechnisch auf Erlass des Ministeriums nicht verschlechtern können. Es gibt unter diesen Bedingungen kaum Unterricht, von gutem Unterricht kann man erst recht nicht reden. Das alles, obwohl immer mehr Folge- oder Begleiterkrankungen auch für junge Menschen entdeckt werden. Das alles, obwohl Drosten festgestellt hat, dass Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene und sich erneut gegen eine Schulöffnung ausspricht.

Selbst in der Industrie wird darüber gesprochen, dass ein Neustart unter innovativen und umweltfreundlichen Bedingungen geschehen soll. Und was machen wir in der Bildung? Wir wollen mit voller Kraft zurück. Dabei fahren wir lieber gegen die Wand als ins Neuland. Jetzt wird darüber gesprochen, das Schichtsystem auch im nächsten Jahr aufrecht zu halten. Die Bildungspolitik spricht jetzt schon über Schule als meinte sie die 1960er Jahre. Dieses Bild versuchen wir nun auf das Internet und Heimunterricht zu übertragen und geraten damit in eine noch größere Schieflage. Natürlich ist ein Schichtmodell möglich. Aber wirklich gewinnbringend ist es nur, wenn wir auch die Didaktik dafür ins hier und jetzt anpassen. Wir brauchen keine Arbeitsblätter, die für lehrerzentrierten Unterricht gedacht sind, wenn der Lehrer fehlt. Wir brauchen freie Aufgabentrukturen, Formate, die die Selbständigkeit stärken und inverted classroom Modelle.

Aber dann müssten wir etwas Neues wagen. Eines der besten Symbole dafür, dass wir es nicht tun, bin im Moment ich. Ich, der mit seinem roten Stab versucht eine alte Ordnung zu halten, die es so im Moment nicht gibt. An einer Schule, die unglaubliches leistet, um ihre Aufgaben zu erfüllen und ihre Schüler*innen ernst nimmt. Wenn die Kolleginnen und Kollegen in der Schule gestern ein Gedanke vereint hat, dann die Hoffnung darüber eine zweite Welle zu verhindern und das mulmige Gefühl, dass sie trotzdem kommt.

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