Prüfungsfetischismus

Der Junge war jetzt genug an der frischen Luft, jetzt muss er wieder in die Schule. Schon alleine des Abschlusses wegen. Zumindest scheinen sich darin die Kultusminister relativ einig zu sein. Normalerweise bin ich der altmodische, strenge Lehrer ja wirklich. Noten gelten in der Forschung und auch im Kollegium überholt und wenig zielführend. Ich selbst verspreche mir davon etwas Vergleichbarkeit für die Schüler*innen selbst. Das Problem sind für mich nicht die Noten, sondern wie die Gesellschaft damit umgeht. Aber das ist eine andere Diskussion. Trotz meines Optimismus Noten gegenüber, bin ich gegen alle Abschlussprüfungen in diesem Jahr. Ich sehe das hohe gesellschaftliche Gesundheitsrisiko dadurch größer als den Nutzen für die Schüler*innen. Mehr noch, ich sehe keinen Nutzen für die Schüler*innen.

Einer der häufigsten Gründe, der für die schnelle Durchführung der Prüfungen genannt wird, ist die Sorge, das Abitur könnte in anderen Bundesländern nicht anerkannt werden. Das ist etwas, das die Kultusministerkonferenz mit Leichtigkeit beschließen könnte. Die Sorge ist nicht nur unangebracht, sie ist hausgemacht und entspringt dem Unwillen etwas zu ändern. Für mich steht neben dem Unwillen die viel wahrscheinlichere Sorge, dass sich kein Kultusministerium die Blöße geben will, die Prüfungen ausfallen zu lassen. Dann wird im Bildungsfö(r)deralismus schnell wieder von Schmalspurabitur geredet und die Häme der anderen Länder ist einem sicher.

Außerdem wird angebracht, dass ein fairer, vergleichbarer Abschluss der Schüler*innen sichergestellt werden muss. Die Schulzeiten werden in jedem der 16 Bundesländer unterschiedlich verzögert. Die Schulen starten zu unterschiedlichen Zeiten und wie genau sie starten ist (zurecht) in Hand der jeweiligen Schulleiter. Inwieweit die Schüler*innen in letzten Wochen gelernt haben, hängt vom Zeitraum der Ferien, der digitalen Ausstattung der Schule und der familiären Situation ab. Inwieweit sie jetzt lernen können, hängt von denselben Faktoren ab, außerdem wie gut der Schulträger seiner Planungsaufgabe nachkommt und vor allem, ob die jeweilige Lehrkraft zu einer Risikogruppe gehört und vielleicht gar nicht selbst prüfen kann. Und das alles, lässt die wichtigsten Aspekte raus: Wie es einem selbst und der Familie physisch, und immer wieder gerne vergessen, mental geht. Es ist eine Zeit mit so vielen unterschiedlichen Stressfaktoren, Fehlerquellen und individuellen Schicksalen, dass es lächerlich ist, hier von Vergleichbarkeit und Fairness zu sprechen.

Die Wissenschaft hat aber gesagt, dass Prüfungen stattfinden können. Moment. Die Wissenschaft (gibt es nicht) hat eine Einschätzung getroffen, dass unter bestimmten Faktoren Prüfungen mit einem geringen Risiko durchgeführt werden können. Diese Faktoren waren strenge Hygiene- und Verhaltensregeln. Wie das alleine in Hannover läuft, kann man hier ansehen:

Das Gesundheitsamt der Region Hannover fand bei der Überprüfung von 112 Schulen vor der Corona-Pandemie nur eine Schule ohne Beanstandung. 

https://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Diese-Probleme-haben-Schulen-in-der-Region-Hannover-mit-der-Hygiene

Es scheint viel mehr, wir führen Prüfungen um ihrer selbst willen durch. Der Punkt, dass Prüfungen wichtig sein, um aussagekräftige Noten zu bekommen, ist vielleicht von allen der falscheste. Ein einzelner guter oder schlechter Tag gibt kein einheitliches Bild der Leistung einer Schüler*in. Deswegen zählt selbst das Abitur nur ein Drittel im Zeugnis. Studien haben erwiesen, dass die Abschlussergebnisse sich im Wesentlichen kaum von den gewohnten Leistungen unterscheiden. Wir prüfen aus einem alten, überholten, schädlichen Schulverständnis heraus. Auch an dieser Stelle legt die Corona-Krise wieder offen, was systematisch und strukturell kaputt ist. Das Bildungsverständnis der Kultusminister*innen scheint kaum besser als die 5G Netzabdeckung in Deutschland zu sein.

Wenn gesagt wird, die Schüler*innen müssen aus sozialen oder wirtschaftlichen Gründen wieder in die Schule, dann ist das so zu diskutieren. Aber Abschlüsse sind meiner Meinung nach kein ausreichender Grund. Besonders, wenn man die Gesundheit mit einbezieht und eine Übertragung durch Reden und mögliche Langzeitfolgen nicht ausgeschlossen sind.

Eine passende Radiodiskussion gibt es hier:

Deutschlandfunk.de: Machen Abschlussprüfungen jetzt Sinn?

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