Für eine handvoll Wochen

Im Sinne der Corona-Krise schreibe ich heute einen Mitmach-Beitrag. Wir brauchen unbedingt mehr Dinge, die wir zuhause erledigen können. Zuerst suchen wir uns einen Verwandten über 60. Es kann ausnahmsweise auch ein ungeliebter bevorzugt ausgesucht werden. Dann brauchen wir eine Schusswaffe. Wer keine hat, fragt beim örtlichen Nazi oder Reichsbürger an. Die haben Kontakte. Dann brauchen wir letztendlich noch ein Kind. Haben wir alles beisammen, nehmen wir die Waffe (geladen) und richten sie z.B. auf Opa. Wir fragen die kleine Emma, was sie vor sechs Wochen in Geschichte gemacht hat. Wenn sie das Thema relativ genau eingrenzen kann, beenden wir das Projekt hier oder fragen nach einem anderen Fach. Falls nicht, drücken wir ab und gucken, ob Opa überlebt.

Gut – das ist einerseits etwas plakativ und andererseits statistisch nicht vollkommen repräsentativ. Trotzdem ähnelt das Experiment der Wette, die unter anderem die Leopoldina mit ihrer frühen Schulöffnung eingeht. Es wird darauf gewettet, dass der Wissenszuwachs der Schüler*innen das Risiko des frühzeitigen Todes der Risikogruppen wert sei. Die Einschränkungen durch die Schulschließung und allgemeinen Maßnahmen sind enorm. Aber bei einer Schulöffnung gingen sie auf Dauer weiter. Bis wir sicherstellen könnten, unsere Kinder übertragen keine Viren, müssten sie auf einige Familienmitglieder verzichten. Das Risiko gestaltet sich wie folgt:

  • Opa 1: Alter, Vorerkrankung.
  • Opa 2: Alter, Vorerkrankung.
  • Oma 1: Alter.
  • Oma 2: Alter, Vorerkrankung.
  • Oma 3: Alter, Vorerkrankung

Wenn wir unser imaginären Emma nicht sagen wollen „Och, dein Bussi hat Omi getötet.“, müssen wir in Zukunft deren Kontakt einschränken. Bei einer Schulschließung in der wir den Kontakt der Kinder besser nachvollziehen können, wäre das nicht der Fall. Die Leopoldina geht davon aus, die Kinder könnten mit Mundschutz und 2m Abstand unterrichtet werden. Wo die 10,7 Millionen Mundschutze herkommen sollen, die wir für alle Schulkinder alleine in der ersten Woche bräuchten, ist mir zur Zeit schleierhaft; und woher die Elektroschocker kommen, die wir Lehrkräfte bräuchten, um die Kinder auseinander zu halten, weiß ich auch nicht.

Hinter allem steht die Wette, dass diese Wochen für die Schüler so unverzichtbar wären, dass es das Risiko wert sei. An meiner Schule sind bis jetzt weit weniger als zehn Tage richtiger Unterricht ausgefallen, da in die freien Tage auch Dinge wie Projektwochen und Studientage usw. fallen. Weder bei guten noch bei schlechten Schülern wäre dort so viel essentielles Wissen vermittelt worden, dass etwas unwiederbringlich verloren gegangen wäre. Opa hingegen wäre mit einer guten Chance unwiederbringlich erschossen. Je nach Religion vielleicht nicht, aber selbst nach The Walking Dead wäre er zumindest nicht mehr derselbe.

Mich beschleicht das Gefühl, es geht den Diskutanten gar nicht um Bildungsgerechtigkeit oder zumindest einem veralteten Begriff davon. Ich gehe natürlich auch davon aus, dass das Wissen irgendwie nachgeholt und die Lehrpläne überarbeitet werden müssen. Aber Bildung ist mehr als das Auswendiglernen von Fakten und das ständige Wiederholen bestimmter Verhaltensmuster. Wenn ich höre, das Abi dürfte nicht gefährdet werden, wird im nächsten Satz oft gesagt, es müsse fair sein. Ab und zu fällt ein verräterisches „Es dürfe nicht zu leicht werden.“ Dann geht es nicht um Bildungslogik, sondern um Prüfungslogik und das ist wiederum sehr Deutsch. Zwei scheinbar deutsche Grundannahmen sind:

  • Es darf niemand etwas umsonst kriegen.
  • Was nicht überprüft wurde, existiert nicht.

Es sind vor allem diese Punkte, um die das Bildungsverständnis vieler Diskutanten und leider auch Kultusminister*innen kreist. Das akzeptiere ich nicht. Das Abi 2021 ist einfach anpassbar indem man einen Teil der Themen raus lässt. Die Schüler*innen haben dann immer noch genug schwere Themen zur Auswahl. Aber es könnte jemand etwas mit weniger Arbeit als jemand anderes bekommen, das geht hier nicht. Es geht im Moment nicht um Prüfungen oder um Neid, es geht um Menschen. Gerade auch in der Schule. Schulen sind Bildungseinrichtungen, keine Prüfungsfabriken. Damit haben wir irgendwann in den Sechzigern versucht aufzuhören (Betonung auf versucht).

Ein ganz anderer Punkt ist, dass die Schließung der Schulen zeigt, wie wenig wir (und da schließe ich mich mit ein) alleine in der Lage sind, die komplette Betreuung unserer Kinder zu stemmen. Wir sind so verstrickt in Arbeit und Terminen, dass die Kinder ohne die Schule (und Kitas) als sozialen Ort leiden. Darüber sollten wir auch mal nachdenken.

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